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  * Interviews * Björn Emmerling (2.7.2004)   Montag, 6. September 2010

DHZ-Interview am 2.7.2004

Björn Emmerling - " Habe alles diesem großen Ziel unterstellt "

Nur zwei Spieler im deutschen Herrenteam für Athen haben schon zwei Olympiaturniere bestritten. Einer davon ist Björn Emmerling. In Atlanta 1996 und Sydney 2000 machte der 28-jährige Außenverteidiger Erfahrungen, die einerseits wertvoll, auf der anderen Seite aber auch sehr schmerzhaft waren. Beim dritten Anlauf soll dieses Wissen Gewinn bringend eingesetzt werden.In Amstelveen führte die DHZ darüber mit Björn Emmerling ein Interview.

Sie haben zu denjenigen Spielern gehört, die den Nominierungsdruck nicht so unmittelbar gespürt haben, weil Ihre Position im Athen-Team sehr sicher war.

 






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Das haben viele gesagt. Ich selbst war mir der Sache nicht immer so sicher und habe mich auch ungern an Spekulationen beteiligt, wollte eigentlich immer nur meine Leistung bringen. Erst als der Zeitpunkt der Nominierung gekommen war und ich meinen Namen hörte, konnte ich mich wirklich sicher fühlen. Ich denke, dass alle Spieler die Entscheidung herbeigesehnt haben, egal ob sie positiv oder negativ für sie selbst ausgefallen ist. Die kursierende Nominierungsfrage belastete die Mannschaft und auch das ganze Spiel in der Vorbereitung. Da will der eine bloß keinen Fehler machen, der andere offensiver spielen. Das ist schwierig gewesen, das alles zu kompensieren. Aber es gehört irgendwie vor solch großen Turnieren wie Olympia oder WM dazu. Sobald die Entscheidungen gefallen sind, wird sich noch etwas tun. Dann gibt es noch einmal einen Schritt nach vorne.

 

Ist der Kampf um die Plätze härter gewesen als vor vier Jahren?

 

 

Ja, ich denke schon.

 

Sie sind neben Christoph Bechmann derjenige, der schon zwei Olympiaturniere mitgemacht hat. Kommen jetzt verstärkt Erinnerungen an 1996 und 2000 auf? Oder ist Atlanta und Sydney völlig aus dem Kopf?

 

 

Nein, das ist nicht weg. Die Erfahrungen von zwei Olympischen Spielen kann einem keiner mehr nehmen, die nimmt man mit. Das habe ich in Sydney schon gemerkt: Es ist ein anderes Gefühl, nicht mehr dieses ganz neue. Man weiß, was auf einen zukommt. Das wird in Athen jetzt ähnlich sein. Und trotzdem ist Olympia etwas unheimlich Besonderes. Aufgrund der Erfahrung von 1996 und 2000 spüre ich eine riesige Vorfreude.

 

Geben die mageren Platzierungen von Atlanta (Vierter) und Sydney (Fünfter) einen Schub Extramotivation, nun beim dritten Anlauf endlich eine olympische Medaille gewinnen zu wollen?

 

 

Ja. Wir haben seit Sydney international alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: die Weltmeistertitel in Feld und Halle, die EM, die Champions Trophy. Nur eine Medaille bei Olympia fehlt. Und am liebsten will man natürlich ganz oben auf dem Treppchen stehen. Von mir selbst kann ich sagen, dass ich das vergangene halbe Jahr alles ganz diesem großen sportlichen Ziel unterstellt habe. Ich habe noch nie zuvor so viel trainiert. Alles um mich herum - meine Freundin, mein Bruder, mein Studium - hat darunter gelitten. Deshalb möchte ich mit etwas Greifbarem aus Athen zurückkommen.

 

Wie viel mehr wert wäre Ihnen eine olympische Medaille im Vergleich zum WM-Titel?

 

 

Ich möchte die Weltmeisterschaft keinesfalls abwerten. Solch ein Turnier muss man erst einmal gewinnen. Und gerade die WM 2002 mit 16 Mannschaften und unter den klimatischen Bedingungen von Malaysia war die schwerste, die es je gab. Trotzdem ist Olympia doch noch einmal etwas ganz anderes. Als kleiner Junge bin ich schon 1984 und später auch 1988 und 1992 dauernd vor der Glotze gesessen und habe ständig Olympia geguckt, mir alles reingezogen. Danach durfte ich selbst zweimal teilnehmen, demnächst ein drittes Mal. Wenn man sieht, was da so abgeht, merkt man erst, welch große Sache Olympia wirklich ist. Es ist einfach noch eine Stufe höher als eine Weltmeisterschaft.

 

Die anderen Spieler im deutschen Team sehen das ebenso?

 

 

Davon gehe ich aus. Ja, das ist definitiv der Fall.

 

Der Titel des amtierenden Weltmeisters – Vorteil oder Bürde für das Turnier in Athen?

 

 

Ich weiß es nicht. Die Favoritenrolle wird natürlich immer gerne verteilt und zugeschoben. In der deutschen Medienlandschaft sagt man so: Die Hockeyspieler haben in den letzten paar Jahren alle großen Titel gewonnen, sind Europa- und Weltmeister. Die müssen jetzt einfach eine Medaille holen. Wir werden unter gewissem Druck stehen, weil wir zumindest als Mitfavorit, wenn nicht gar als Topfavorit gehandelt werden. Damit müssen wir leben, und ich denke, damit können wir auch ganz gut leben.

 

Wie vielen von den 12 Mannschaften in Athen trauen Sie realistisch den Titel zu?

 

 
 

Sechs oder sieben. Ich glaube, es könnte das hochklassigste und engste Turnier der olympischen Geschichte werden, aufgrund der Stärke und Ausgeglichenheit der Mannschaften.

 

 

Mit Pakistan, Spanien und Südkorea hat Deutschland alleine drei potenzielle Goldkandidaten schon in der Vorrundengruppe.

 

 
 

Großbritannien darf man auch nicht unterschätzen, wie uns die Erfahrung zeigt. Man muss es nehmen, wie es kommt. Und außerdem: Wenn man nach oben will, muss man die Gegner eh alle schlagen. Da muss man durchaus mit einer gewissen Arroganz an die Sache rangehen. Das war doch bei der WM 2002 nicht anders. Wenn du sie in der Gruppe hast, musst du sie schon im Halbfinale nicht schlagen. Man redet natürlich immer vorschnell vom Halbfinale. Da muss man erst einmal hinkommen. Das ist das erste Ziel. Aber wenn man schon zweifelnd ins Turnier reingeht, kann man es gleich bleiben lassen.

 

 

Vor vier Jahren schien der Sprung in die Vorschlussrunde vor dem letzten Gruppenspiel so einfach, und dann kam Großbritannien und beendete mit dem 2:1-Überraschungssieg alle deutschen Medaillenhoffnungen.

 

 
 

Wir saßen nach dem Spiel in der Kabine, haben geflennt und alles in die Ecke geschmissen. Dieses extreme Erlebnis, erst ziemlich hoch zu schweben in diesem ganzen olympischen Flair, und dann dieser sportliche Absturz, das hat mich noch lange Zeit später ganz schön mitgenommen. Man ist aus Australien mit dem Gefühl heimgekehrt, nichts herausbekommen zu haben für die großen Mühen und Investitionen im Vorfeld. Das war bei der WM 2002 und danach natürlich anders. Ich denke, dass dieses Großbritannien-Erlebnis eine wichtige Erfahrung ist. So etwas wollen wir nicht noch einmal erleben.

 

 

Eine Folge von Sydney 2000 war, dass die Nationalmannschaft die Arbeit mit einem Psychologen aufgenommen hat.

 

 
 

Ich glaube, es wäre in Sydney anders gelaufen, wenn wir auf diesem Gebiet eine Vorbereitung, einen gewissen professionellen Background gehabt hätten. Man weiß es natürlich nicht, aber wir hätten mit der Situation, als das 1:1 gefallen war, das Wetter immer schlechter wurde und die Angst vor dem Ausscheiden um sich griff, anders umgehen können. Ich bin generell ein Freund dieser mentalen Vorbereitung. Man geht auf den Platz und in den Kraftraum, aber neben der körperlichen Fitness ist es wichtig, auch den Kopf und die Psyche zu trainieren. Nach über drei Jahren gemeinsamer Arbeit mit Lothar Linz gibt es gewisse Abnutzungseffekte, aber Lothar macht das clever, variiert sein Vorgehen. Es geht einfach darum, dass man auf bestimmte Situationen, die vorkommen können, eingestellt wird.

 

 

Der Olympiarummel mit olympischem Dorf, Medien und Fans wird sicherlich etwas ganz anderes als beispielsweise die Hockey-WM 2002. Kann das zum Problem werden? Leidet die Konzentration auf das eigentliche Spiel?

 

 
 

Das ist nicht ganz einfach. Ich hoffe nicht, dass jemand aus unserem Team damit Schwierigkeiten haben wird. Es kommt schon viel auf einen zu, wir werden dort sicherlich nicht die Ruhe vorfinden wie bei einer normalen Hockeyveranstaltung. Da spielt dann auch wieder die mentale Vorbereitung eine Rolle. Dass man eben sagt: Das olympische Flair gehört dazu, aber lasst uns das als zusätzliche Motivation benutzen, nicht als Störung oder Hemmnis. Natürlich darf man nicht zu sehr auf das „Highlife“ im olympischen Dorf fixiert sein, aber ein totales Abgeschottetsein darf es auch nicht geben, das wäre absolute Demotivation. Es muss eine gesunde Mischung her. Ich kann nur für mich sprechen: Ich persönlich habe ein recht gutes olympisches Turnier 2000 gespielt. Mich motivieren große Anlässe unheimlich. Wenn es um etwas Großes geht, bilde ich mir ein, recht nah an meine optimale Leistung kommen zu können. Das ist eine Stärke von mir.

 

 

Deutschland hat Pakistan, den Gegner im olympischen Auftaktspiel, zuletzt viermal in kurzer Folge zeitlich nahe vor Olympia geschlagen

 

 
 

Gerade das 6:0 darf man nicht überbewerten. Da hat Pakistan am Tag zuvor einen Kraft/Ausdauer-Test absolviert. Die waren stark belastet. Und außerdem: Wenn der Siebenmeter zum 1:1 reingegangen wäre, dann hätte es ganz anders weitergehen können. Ich finde es gefährlich, dass wir sie jetzt viermal geschlagen haben und man insgeheim denkt: Die haben wir drauf. Natürlich haben wir gute Chancen, sie auch ein fünftes Mal zu schlagen, aber dessen müssen wir uns bewusst sein, dass es in Athen ein ganz anderes Spiel unter ganz anderen Voraussetzungen geben wird. Pakistan wird anders drauf sein als in der Vorbereitung, aber wir natürlich auch.

 

 

Sie selbst waren vor vier Jahren nicht einer derjenigen, die mit Nachdruck den Trainerwechsel gefordert haben.

 

 
 

Im ersten Moment habe ich mich damals wirklich gefragt, warum Paul Lissek aufhören soll. Ich fand, er war ein guter Trainer, und wir hatten auch eine recht gute Beziehung. Aber im Nachhinein muss man schon sagen, dass der Wechsel ein Glücksfall war.

 

 

 

Was hat Bernhard Peters anders gemacht, um die Mannschaft zu den dann folgenden Titeln zu führen?

 

 
 

Einerseits war es der berühmte Neue-Besen-Effekt, den ich persönlich in der Nationalmannschaft noch gar nicht kannte. Da kam etwas ganz Neues, eine neue Ansprache, auch neues Hockey. Die gute Basis, die von Lissek gelegt wurde, wurde von Peters noch verfeinert. Das hat uns einen unheimlichen Push gegeben. Auch nach gut drei Jahren gemeinsamer Arbeit kommt die Mannschaft immer noch einen Schritt weiter. Bernhard unternimmt da schon viel, dass es nicht monoton oder langweilig wird.

 

 

Peters' besondere Kunst besteht darin, die Mannschaft und die einzelnen Spieler zum richtigen Zeitpunkt auf dem Toplevel zu haben.

 

 
 

Da ist schon was dran. Ich weiß nicht, ob er das immer auf die richtige Art und Weise macht. Bei einzelnen Spielern könnte er das auch auf anderem Weg schaffen. Ich finde es nicht immer einfach mit ihm. Aber er ist eben Perfektionist, möchte das Beste aus uns herausholen und gerät oft schnell in Rage, wenn Fehler vorkommen. Aber damit leben wir.

 

 

Wie sieht es mit Ihnen und der weiteren Nationalmannschaftskarriere nach Olympia aus?

 

 
 

Es ist auf jeden Fall nicht abhängig von den Ergebnissen in Athen. Definitiv steht für mich fest, dass ich nach Olympia und im nächsten Jahr nicht spielen werde. Und wohl auch 2006 nicht.

 

 

Das klingt trotzdem nicht nach endgültigem Rücktritt.

 

 
 

Eigentlich schon. Ich weiß, dass ich keine Champions Trophy 2004 spielen will. Und 2005 mache ich mein Studium fertig. Das hat allererste Priorität. Das Standing, das im Moment Hockey bei mir hat, wird nach Olympia mein Studium haben. Ich denke, dass mir Hockey auch weiterhin Spaß machen wird und ich auch auf Vereinsebene weiterspielen werde. Und wer weiß, vielleicht packt einen nach längerer Pause noch einmal der Ehrgeiz und die Lust, und man trifft noch was und ist vielleicht wichtiger Bestandteil der WM-Mannschaft 2006. Im Moment kann ich es mir aber nicht vorstellen.

 

 

Mit dem Vereinsteam des HTC Stuttgarter Kickers haben Sie nach toller Schlussserie in der Feld-Bundesliga 2003/04 nur knapp das DM-Finale 2004 verpasst. Gibt es einen neuen Anlauf?

 

 
 

Wir haben uns das Ziel gesetzt, 2004 ungeschlagen zu bleiben. Außer uns kann das keiner mehr schaffen. Mit Thomas Dauner haben wir fachlich einen Topmann als neuen Trainer. Mal schauen, wie Trainer und Mannschaft menschlich zusammenpassen werden. Mit Bernhard in der Nationalmannschaft hat es wunderbar geklappt. Auf jeden Fall haben wir bei den Kickers eine talentierte Mannschaft, und wenn wir größtenteils zusammenbleiben, sehe ich uns in der kommenden Saison zumindest nicht auf den Abstiegsplätzen.

 

 

 

Das Interview führte DHZ-Chefredakteur Uli Meyer

 

 
 
 

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