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  * Interviews * Natascha Keller (15.7.04)   Donnerstag, 9. September 2010

DHZ-Interview am 2.7.2004

Natascha Keller - "Die Großen ein wenig ärgern"

Ihre Formkurve ist zuletzt kontinuierlich nach oben gegangen. Natascha Keller fährt nicht zuletzt deshalb mit gezügeltem Optimismus nach Athen. Die Welthockeyspielerin des Jahres 1999 vom Berliner HC wird ihre dritten Olympischen Spiele nach 1996 (Sechster) und 2000 (Siebter) bestreiten. Allerdings wurde die 27-jährige Mittelstürmerin wegen einer langwierigen Bänderverletzung von Bundestrainer Markus Weise überraschend nicht für das Olympia-Qualifikationsturnier im März berücksichtigt. Die DHZ sprach mit Natascha Keller während der Rabobank-Trophy in Amstelveen über zurückliegende und bevorstehende Dinge.

Wie geht es Ihrem Fuß?

 











Fotos: » © direvi

 

Sehr gut. Ich habe in Amstelveen mit einem Tapeverband gespielt, aber der war mehr aus Sicherheitsgründen für den Kopf, weil ich eben hier den größten Umknick des Fußes hatte. Ansonsten ging es die ganzen letzten Wochen auch ohne Tape ganz gut. Ich werde wahrscheinlich immer ganz leichte Schmerzen im Knöchelbereich haben, aber es behindert mich schon eine ganze Weile nicht mehr. Da bin ich sehr froh, dass dieses Thema jetzt endgültig abgehakt ist. Und hoffentlich kommt jetzt nichts mehr anderes dazwischen.

 

Bundestrainer Markus Weise hat im Frühjahr in Zusammenhang mit Ihrer Nichtnominierung für die Olympia-Qualifikation gesagt, dass er in Athen eine topfitte Taschi braucht. Kommt das hin?

 

 

Es sieht ganz gut aus. Die Rückrunde in der Bundesliga lief sehr gut bei mir. Da habe ich auch mal wieder das Tor getroffen und – ganz wichtig bei mir – auch Spaß gehabt. Ich bin gerne ins Hockeytraining gegangen und habe gerne die Spiele bestritten. Über Stürmer sagt man ja immer, dass sie Tore machen müssen, aber ich freue mich auch, wenn ich für andere Chancen herausarbeite oder auch andersweitig im Spiel positiv auffalle. Natürlich ist es für das Selbstbewusstsein auch mal gut, selbst ein Tor zu erzielen. Aber da mache ich mir gar keine Gedanken. Wenn es so weiterläuft, sehe ich das Ganze in Richtung Athen sehr positiv.

 

Geht die Bundestrainer-Entscheidung, auf Sie bei der Olympia-Qualifikation zu verzichten, im Nachhinein also doch auf?

 

 

Markus meinte damals schon, dass ich ihm wahrscheinlich irgendwann einmal dankbar sein werde für diese Entscheidung. Ich hätte sonst wohl wieder halbe Sachen gemacht: Auckland gespielt, danach nichts gemacht, um den Fuß zu schonen. Wer weiß, wie es dann weitergegangen wäre. So habe ich die Saisonvorbereitung im Verein voll mitmachen können. Mit Andi (Keller) als neuem BHC-Damentrainer und einem neuen Stab drum herum hatten wir dort eine gute Aufbauphase. Diese Entwicklung ist mir auf dem Weg nach Athen sicherlich sehr gut bekommen. Das war schon besser so, die Quali nicht zu spielen.

 

Aber damals im März gab es Irritationen bei Ihnen und im Team?

 

 

Ja, schon. Es wäre alles etwas einfacher gewesen, wenn die Kommunikation anders gelaufen wäre. Ich hatte mit Markus gleich nach der Nominierung gesprochen, mit anderen hat er das nicht gemacht. Aber was mich angeht, war das ja auch eine richtige Entscheidung. Weil ich eben eine bin, die nach Verletzungen schon oft zu früh wieder angefangen hat. Die USA-Länderspielreise nach der EM 2003 mitzumachen, war beispielsweise keine gute Sache. Manchmal muss man eben auf mich aufpassen. Vielleicht war es der richtige Zeitpunkt, mir eine Auszeit zu geben.

 

Was sagen die Ergebnisse der aktuellen Vorbereitungsspiele? Was bedeuten sie Ihnen im Hinblick auf Athen?

 

 

Das ist immer eine schwierige Sache. Vor Sydney 2000 gehörten wir dem Kreis der Mitfavoriten an, hatten fast die Champions Trophy gewonnen und waren richtig gut. Und dann sind wir nur Siebter geworden. Bei der WM 2002 war es knapp, dass wir nicht ganze vorne mitgespielt haben. Aber dazwischen gab es schon Phasen, wo wir sehr schlecht waren und auch schwache Resultate hatten. Die Olympia-Quali wurde gerade mal so erreicht, aber man hat ja auch gesehen, welch gute Nationen es nicht geschafft haben. Ich finde, wir waren in Amstelveen noch auf keinen Fall nahe dran an unserer Bestleistung. Wir könnten insgesamt noch viel besser spielen. Und trotzdem haben wir gegen Topteams wie China oder Holland mitgehalten, hätten mit ein bisschen Glück auch gewinnen können. Gut, dass wir in der Vorbereitung viele Spiele gegen Gegner dieser Klasse hatten, Das bringt uns voran.

 

Was rechnen Sie sich demnach für Olympia aus?

 

 

Ich glaube, in Athen ist von einer Medaille bis Platz 7 oder 8 alles drin für uns. Alles liegt inzwischen ziemlich eng beieinander. Positiv ist sicherlich für uns, dass keiner mit uns so richtig rechnet. Natürlich dürfen wir nicht zu euphorisch ins Turnier reingehen, aber so pessimistisch, wie das eine Zeitlang der Fall war, sehe ich unsere Aussichten auf gar keinen Fall. Ich denke, wir haben es glücklicherweise geschafft, im richtigen Moment aus unserem Tief herauszukommen.

 

Ein Wort zum Spielplan. Ist es besonders gut oder besonders schlecht, dass Deutschland die beiden vermutlich stärksten Vorrundengegner, Australien und Niederlande, gleich zu Beginn hat?

 

 
 

Ich finde es gar nicht so schlecht, wenn man die gleich am Anfang spielt. Positiv ist auch sicherlich die Pause von drei Tagen zwischen den ersten beiden Spielen. Als das einzig Negative am Spielplan empfinde ich, dass wir morgens um halb neun gegen Südkorea spielen. Das weckt Erinnerungen an das Sydney-Frühspiel gegen China. Das hängt noch unangenehm in meinem Kopf. Vielleicht haben wir ja daraus gelernt, dass man nicht schon fünf Tage vorher immer so früh aufstehen muss und wir nun ein wenig fitter in diesem Morgenspiel sein werden als damals.

 

 

Besteht diesmal die Gefahr, dass sich die deutsche Mannschaft falsch einschätzt, sich womöglich zu groß oder zu klein macht?

 

 
 

Zu groß machen wir uns auf keinen Fall. Wir haben uns als Mannschaft noch nicht zusammengesetzt und unser Ziel für Athen formuliert. Ich weiß nicht, was dabei herauskommt. Ich selbst bin eigentlich immer optimistisch, und diesmal ist die Ausgangslage doch gar nicht so schlecht, weil keiner von uns viel erwartet. Wir fahren als Außenseiter hin, werden auf gar keinen Fall als Favorit gehandelt. Vielleicht können wir die Großen einfach ein wenig ärgern.

 

 

Deutschlands Damen- wie Herren-Nationalmannschaften sind zu großen Turnieren wie WM oder Olympia bislang eigentlich immer mit der Zielsetzung hingefahren: „Erstmal ins Halbfinale kommen und dann mal sehen, was noch geht“. Das ist doch für die Damen-Auswahl in Bezug auf Athen 2004 nicht realistisch, oder?

 

 
 

Wir müssen das Spiel für Spiel sehen. Australiens aktuelle Verfassung ist für mich im Moment überhaupt nicht einzuschätzen. Die Holländerinnen haben bei der Rabobank-Trophy kaum etwas von ihren Stärken gezeigt, das wird im Ernstfall wieder anders sein. Wenn wir diese beiden Partien gespielt haben, werden wir sehen, in welche Richtung es für uns läuft.

 

 

Um ein Kandidat für das Halbfinale zu sein, müsste Deutschland wohl vor allem seine extremen Leistungsschwankungen zwischen Hoch und Tief in den Griff bekommen.

 

 
 

Das steckt jetzt schon ein paar Jahre in unserer Mannschaft drin. Wenn man mal zwei Spiele hintereinander auf gutem Niveau spielt wie in Amstelveen bei den beiden Unentschieden gegen Holland und China, dann staunt man fast schon selbst.

 

 

Wie ist es zu erklären, dass nach dem Finaleinzug bei der Champions Trophy 2000 fast nur noch schwache Platzierungen folgten und die absolute Weltspitze den Deutschen weggelaufen ist?

 

 
 

Mit dem siebten Platz in Sydney fing es an. Damit war man nicht für die nächsten Champions Trophys qualifiziert. Solche wichtigen Turniere fehlen. Und es bestand im Kader auch eine gewisse Unklarheit, welche Spielerinnen überhaupt weitermachen. Viele andere waren im Gespräch. Mir scheint, dass wir jetzt im richtigen Moment wieder auf dem richtigen Weg sind. Da viele Positionen im aktuellen Team lange Zeit nicht so klar waren und auch deshalb bei einzelnen eine gewisse Unsicherheit vorherrschte, wird es, wenn die personellen Entscheidungen für das Olympiateam feststehen, noch einmal einen Schub für die Mannschaft geben.

 

 

Hätte Britta Becker ohne ihr verletzungsbedingtes Ausscheiden das Team noch verstärken können, oder wäre Unruhe aufgekommen?

 

 
 

Ein schwieriges Thema. Britta ist eine sehr gute Spielerin. Aber sie war so lange nicht dabei und hat nun nicht mehr das gespielt, was sie einmal konnte. Sie hat sich anders eingeschätzt, als sie tatsächlich gespielt hat, und sie hat auch nicht die Chance bekommen, ihre alte Position im Mittelfeld einzunehmen. Britta hätte überragend spielen müssen, dann hätte auch keiner etwas gesagt, dass sie erst vier Monate vor Olympia in den Kader zurückgekommen ist. Hätte sie das ein halbes Jahr vorher gemacht, wäre es vielleicht anders ausgegangen. So war es einfach zu kurzfristig. Ich finde es schade, denn Britta ist immer noch eine gute Spielerin, die uns in bester Verfassung auch weitergeholfen hätte. Aber so ist es wohl die beste Lösung gewesen, wie es gekommen ist. Es gab keinen Ärger für sie, für Markus und die Mannschaft.

 

 

Sie haben die Erfahrung von zwei Olympischen Spielen.

 

 
 

Einerseits ist das hilfreich, weil man eben weiß, was ungefähr auf einen zukommt. Man ist durch die Erfahrung vielleicht nicht ganz so aufgeregt. Aber ich freue mich jetzt trotzdem ganz besonders darauf, denn aus gesundheitlichen Gründen wusste ich ja zeitweise gar nicht, ob es überhaupt weitergeht, es herrschte eine zeitlang wirklich Unklarheit, was mit meinem verletzten Fuß genau los ist. Diese Zwangspause ließ mich andererseits aber auch sehr gut erkennen, wieviel mir doch noch an diesem Sport liegt, wieviel Spaß ich noch daran habe.

 

 

Haben Sie schon feste Vorstellungen über die Hockey-Zeit nach Olympia 2004? Immerhin spielen Sie schon zehn Jahre in der Nationalmannschaft.

 

 
 

Ja, zehn Jahre sind schon eine lange Zeit. Eigentlich habe ich mir gesagt, dass ich nach Athen im Nationalteam aufhören werde. Nachdem ich aber so lange verletzungsbedingt pausiert habe, werde ich wohl erst einmal weitermachen. Es kommt auch drauf an, wer sonst noch so weitermacht, wer in den A-Kader nachrückt, wie die Konkurrenzsituation im Angriff ist und wieviel Spaß das alles noch macht. Wenn es weiterhin eine so nette Truppe ist, dann könnte ich mir vorstellen, noch bis zur WM 2006 zu spielen, aber wohl kaum noch vier Jahre bis Olympia 2008. Ich will mich da jetzt nicht festlegen, doch gleich nach Athen aufhören werde ich auf keinen Fall.

 

 

 

Das Interview führte DHZ-Chefredakteur Uli Meyer

 

 
 
 

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